Nächste Ausfahrt: Werkstatt!

Das hätte ich nicht gedacht. Die erste Panne nach nur 3500 km.

Drei Tage lang habe ich am Sankt-Lorenz-Strom gestanden, mitten in den Thousand Islands, einem wunderschönen Feriengebiet in Ontario, meiner vierten kanadischen Provinz. Hier habe ich den Sommer genossen, mich im Fluss gewaschen und geschwommen und Booten wie auch Möwen und Geiern im Wind zugesehen.

Ja – und ich habe zwei Tage lang an meinem Video über die Gezeitenwelle in der Bay of Fundy gearbeitet und wollte das eigentlich veröffentlichen. Dazu brauche ich ein öffentliches WLAN um 1 Gigabyte Daten für den 7-Minuten-Film hochzuladen. Das gibt es bei den üblichen Verdächtigen: Walmart, Canadian Tire, McDonalds, Tim Hortons, Starbucks, …

Also ging es wieder los, auf den Trans-Canada-Highway 401 Richtung Westen. Aber 150 km vor Toronto hatte ich dann meinen ersten kanadischen Stau. Und beim Anfahren am Berg stottert dä Jung, ich würge ihn ab und dann ging er nicht mehr an!

Hinter mir einer der riesigen Trucks – und die restliche Schlange an Fahrzeugen. Aber es ging nix mehr, der Anlasser klackte, die Lichter im Cockpit gingen an – aber kein „orgeln“. Nichts zu machen. Dem Truck hinter mit reichte es irgendwann und er fährt rechts an mir über den Standstreifen vorbei. Die anderen in der Schlange finden das eine gute Idee und da sich der Stau vor mit aufgelöst hat und ich jetzt der Stau bin, rauscht der Verkehr bald an beiden Seiten an mir vorbei, während ich auf der rechten Spur stehe. Verdammt! Die Trucks hier sind länger, höher und schwerer als bei uns. Und sie überholen dich auch gnadenlos, wenn du nur die erlaubten 100 km/h fährst, weil sie mit ihren 500 PS auch 105 oder 110 km/h schaffen. Sieben oder acht Achsen sind keine Seltenheit und ich habe auch schon Trailer mit zehn Achsen gesehen.

Hier mal eine Galerie der hiesigen Trucks:

Und denen stehe ich jetzt mitten im Weg. Wenn da einer nicht aufpasst… Uahhhh.

Ich versuche den Notruf anzurufen, aber das klappt nicht, warum auch immer. Argghhh! Was tun? Die Sonne ist untergegangen und es ist schon fast dunkel. Ich habe eine On-Board-Diagnosegerät mitgenommen. Hilft mir auch nicht, ich kann’s ja nicht reparieren.

Endlich hält einer der großen Trucks hinter mir an und fährt nicht vorbei. Er lässt auch genügend Abstand. Nach dem er tatsächlich keine Anstalten macht weiterzufahren, lasse ich den Ranger rückwärts rollen. Ohne Motor und Servolenkung ist das Kurbeln am Lenkrad richtig Arbeit. Und ich muss mich auch mit dem ganzen Gewicht auf die Bremse stellen, um meine 3 Tonnen in Schach zu halten, da ja auch der Bremskraftverstärker nicht arbeitet. Aber dank des umsichtigen und geduldigen Truckers bin ich jetzt wenigstens auf dem Seitenstreifen – das fühlt sich schon viel besser an, Puh!

Aber mein Warnblinker wird immer schwächer, die Batterie gibt auf. Im Dunkeln. Ich stelle schnell zwei Warndreiecke in gebührendem Abstand auf. Mein Auto macht komische Geräusche aus dem Cockpit. Hört sich alles nicht gut an.

Und mit dem Telefon klappt es nicht richtig. Ich versuche es mit verschiedenen Möglichkeiten der Vorwahl. Aber so spät abends arbeitet die Versicherung natürlich nicht. Und als ich den ADAC unter der Nummer für Internationale Hilfe erreiche, lande ich ein einer automatischen Abfrage nach dem Land, für das ich Hilfe brauche. Ich sage: „Kanada“. Danach wird die Verbindung beendet. Ich rufe nochmal an. Das Gleiche. Vielleicht lässt der ADAC nur Anrufe von europäischen Ländern durch? Denn außerhalb Europas gibt es ja keine Pannenhilfe vom ADAC. Aber dann sollte man das doch mit einer Ansage erklären und nicht das Gespräch ohne weitere Infos kappen! Außerdem gibt es explizit Hilfenummern für Überseeländer, auch für Kanada. Klappt alles nicht.

Was tun?! Ich möchte doch nicht die Nacht am Berg auf der Autobahn verbringen! Ich habe zum Glück einen Router und kann aufs Internet zugreifen. Damit habe ich schon nach den Nummern von Versicherung und ADAC gesucht. Jetzt suche ich nach Vorwahlen und Notrufnummern. Und irgendwann probiere ich es ohne die Ländervorwahl 001. Einfach nur 911. Und das klappt endlich! Mann, Mann, da habe ich dann zu kompliziert gedacht…

Irgendwann steige ich noch mal aus dem Fahrzeug aus um mir hinten aus der Kabine etwas zu Essen zu holen. Da steht auf einmal ein Auto hinter mir. Nur 50 Meter weit weg. Ohne Licht!! Der Puls schnellt hoch. Warum stellt sich jemand im Dunkeln hinter ein Pannenfahrzeug? Ohne Licht und ohne, dass jemand zu sehen ist?!

Ich denke sofort an einen Überfall. Ich schnappe mir mein Bärenspray und eine Taschenlampe und trete die Flucht nach vorne an. Auf dem Weg zu dem Fahrzeug leuchte ich es an und da steigt jemand aus. Er kommt mir entgegen und dann entpuppt sich alles als harmloser Zufall. Das Auto hat ebenfalls eine Panne! Auch hier an dem Berg. So ein Zufall!

Der Mann fragt mich, woher ich denn käme?

„From Germany.“

„Oh, come to my car!“

Er geht vor und öffnet die Beifahrertür und sagt zu seiner Frau:

„He is from Germany!“

Und die Dame antwortet mir hocherfreut auf Deutsch:

„Meine Eltern sind aus Deutschland!“

Solche Situationen habe ich nun schon mehrfach erlebt. Die Kinder der Auswanderer freuen sich dann immer, jemanden aus der alten Welt zu treffen und Deutsch sprechen zu können. 🙂 Wir halten ein kurzes Schwätzchen und warten dann jeweils in unseren Autos auf Hilfe.

Außerdem machen sie dann endlich den Warnblinker an und geben mir damit eine willkommene Rückendeckung. Sie wiederum haben sich über meine Warndreiecke gefreut.

Die Polizei kommt auch irgendwann und wundert sich über die zwei Fahrzeuge. Der Polizist meint, wegen des Gewichts wäre es schwierig, für meinen vollbeladenen Pickup einen Abschleppwagen zu finden. Aber sie würden einen finden. Ok.

Als der Abschleppwagen eine Dreiviertelstunde später eintrifft, lacht der Fahrer nur über diese Aussage. Er heißt Alan und er müsste regelmäßig schwerere Brocken als den Jung abschleppen.

Dä Jung auf dem Abschleppwagen 1

cof

Und so geht es dann huckepack zu Alans Werkstatt in Brighton wo dä Jung wieder abgeladen wird. Hier verbringe ich die Nacht auf dem Hof, was mir viel besser gefällt, als auf der Autobahn. Alan füllt noch Wasser in die angeblich wartungsfreie Batterie und schließt das Ladegerät an. Morgen sehen wir weiter!

Dä Jung auf dem Abschleppwagen 2

 

4 Gedanken zu “Nächste Ausfahrt: Werkstatt!

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