In Alans Werkstatt

Am nächsten Tag hat sich Alan lange mit dem Jung beschäftigt. Alles durchgemessen, aber es kam kein Ladestrom an der Starterbattei an. Also hat der die Lichtmaschine ausgebaut und von seinem Sohn in den Ort zu einer Lichtmaschinen-Werkstatt bringen lassen. “Wir reparieren statt neu zukaufen.“ sagt Alan. Das ist erstmal ja keine schlechte Einstellung. Aber er hat so seine eigenen Regeln.

Alan ist ein großer Mann mit Glatze, einer markanten Nase und einer lauten Stimme und er erinnert mich an den Sänger der australischen Band Midnight Oil, die mit ihren Hit “Beds are burning“ Ende der Achziger Jahre bei uns bekannt geworden sind.

Als wir letzte Nacht auf der Fahrt zu seiner Werkstatt sind, antwortet er auf die Frage, wie viel Tonnen er mit seinem Wagen abschleppen kann mit einem leicht gereizten und bestimmten: “I can put on it, what I want! – Ich packe drauf, was ich will!“ Was habe ich falsch gemacht? Es war rein Interesse halber, weil der Polizist meinte, meint Pickup wäre schwierig abzuschleppen. Später folgt die Erklärung: Die Steuern werden danach berechnet, wie viel der Abschleppwagen ziehen kann. Also hat Alan die niedrigste Tonnage angegeben.

Aber er fährt trotzdem nur für die Polizei. Da weiß er, dass er sein Geld kriegt. Recycling stellt er an die Straße, das wird kostenlos abgeholt. Der restliche Müll kostet Gebühren. “I don’t pay, I burn it.“ – Er bezahlt nichts, er verbrennt ihn im Garten.

In seiner Werkstatt steht ein großer Lkw, an dem er seit drei Jahren arbeitet und eine Corvette C5 von 1998, worauf er sehr stolz ist. Alan ist überhaupt ein außerordentlich stolzer Mann. Ich möchte mich nicht mit ihm streiten müssen. Sein Vater war Friese und ist während des zweiten Weltkriegs von Holland nach Kanada ausgewandert. Mit nichts als 16 Dollar in der Tasche ist er in Kanada aus dem Flugzeug gestiegen und hat sich mit den Jahren so hochgearbeitet, dass er Alan später 45 Hektar Land schenken konnte!

Auf diesem Land hat Alan mit 18 Jahren seine Werkstatt gebaut, in der ich heute stehe. Jetzt ist er Anfang 50 und mit Recht stolz auf das, was er sich mit seinen eigenen Händen erarbeitet hat. Und mit seinen eigenen Regeln. Ihm kommt keiner blöd, das macht er immer wieder deutlich. Und sein Stundensatz sind 95,- Dollar. Kein Schnäppchen, aber in Deutschland zahlt man mehr.

Und er kümmert sich. Die Lichtmaschine kommt zurück, sie soll angeblich in Ordnung sein. Also wird sie wieder eingebaut. Aber es bleibt dabei, die vordere Batterie wird nicht geladen. Also, schickt Alan die LiMa wieder zurück: “They said, it works well, but it does not! – Sie sagen, sie würde gut arbeiten, aber das tut sie nicht!“ Alan macht keiner was vor. Mein Glück, denke ich.

Aber auch nach dem zweiten Mal bleibt es dabei. Die Lichtmaschine sei in Ordnung! Nun beginnt Alan, die Komponenten zu isolieren und einzelnen zu testen. Dabei kommt heraus, dass die Starterbatterie nur geladen wird, wenn die Verbindung zu den Akkus in der Kabine getrennt ist. Wow. Wie soll ich denn dann weiter kommen?

Dann dreht sich einer der beiden Keilriemen der Lichtmaschine. Alan versucht einen Neuen zu bestellen. Der, der kommt, hat eine falsche Größe. Überhaupt ist mein Fahrzeug hier völlig unbekannt. Es ist zwar ein Ford und auch Ranger gibt es hier. Aber nicht als Diesel! Die sind hier generell sehr selten, nicht mal alle Tankstellen haben Diesel. Und meiner ist auch in Alans Diagnose-System nicht zu finden. Dabei ist er seit dreißig Jahren im Geschäft. Also kommt der alte, nun ein wenig lädierte Keilriemen wieder rein. Das wäre ok, meint er. Es sind ja eh zwei, für den Fall, dass einer reißt.

Außerdem ist meine Akkuanzeige in der Kabine wohl völlig falsch. Sie zeigte mir nach drei Tagen stehen bei Thousand Islands noch 93 Prozent an. Nach dem Alan mal alles abgeklemmt hatte, steht die Anzeige jetzt auf 32 Prozent. Das würde den Ausfall teilweise erklären.

Irgendwann kommt Alans Freund George mit seiner Freundin vorbei. George sitzt im Rollstuhl, ihn fehlt ein Bein, der andere Fuß ist ein mit Verband umwickelter Klumpen. Und auch eine Hand ist deformiert und verbunden. Alan begrüßt ihn herzlich und vorsichtig und versucht so gut es geht, auf Georges Wünsche einzugehen. Und er hört auf Georges Rat. Alle zusammen rätseln und beraten wir, was mit meinem Auto zu tun ist. Seit George da ist, fragt Alan immer bei George nach und George gibt fundierte Antworten.

Als George dann einmal mit Alan in der Werkstatt ist, erfahre ich von seiner Freundin Georges Schicksal. Er hat fast 20 Jahre für Alan gearbeitet und hatte vor einem halben Jahr einen schweren Unfall. Im Krankenhaus hat er sich zusätzlich eine schlimme Infektion eingegangen wodurch seine Wunden nun nicht heilen wollen. Aber er möchte wieder was tun und ab und zu muss sie ihn autofahren lassen, wenn er mit der Situation mal gar nicht klar kommt.

Und jetzt analysiert George mein unbekanntes System. Er guckt sich die Verkabelung im Motorraum an und würde am liebsten in die Kabine robben. Aber das ist einfach zu hoch und die Akkus sind auch in den Staukisten versteckt. Also mache ich Fotos und zeige sie ihm.

dav

Schließlich muss das Problem bei den zu tief entladenen Kabinenakkus liegen. Vielleicht kommt die Elektronik mit den Werten nicht klar und spinnt darum, zieht also allen Strom nach hinten. Wenn die Akkus wieder aufgeladen sind, könnte alles wieder normal arbeiten. Das ist die wahrscheinlichste Erklärung. Denn vorher hatte ich ja vier Wochen keine Probleme.

Das heißt, ich muss eine weitere Nacht bei Alan verbringen, um die Kabinenakkus aufzuladen.

cof

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