Kanadische Gastfreundschaft 1

Der Security Man in Halifax.

Als ich den Jung aus dem Zollhafen in Halifax hole, verabschiedet mich der Security Man mit: “Thank you for visiting Canada!“ Wow, guter Start, denke ich, das habe ich so noch nicht gehört

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Die Leute überall.

Wann habt ihr zum letzten Mal einen Fremden auf dem Parkplatz angesprochen, weil euch sein Auto gefiel?

Mich sprechen hier fast täglich Leute wegen des Autos an. Klar, dä Jung ist ein Unikat und auffällig. Das fremde Nummernschild ist von weitem zu erkennen. Und obwohl es hier wirklich massenhaft Pickups und auch den Ranger gibt, gibt es ihn nicht als Diesel, was viele bedauern. Diesel-Pkw sind sehr selten, wenn, dann bei großen Lkw. Dieselkraftstoff gibt es nicht mal an jeder Tankstelle. Und wenn, nur an einer Zapfsäule. Die Camper, die hier rumfahren, sind riesig und meine kleine Kabine bringt die Leute zum Staunen. Außerdem ist der Schnorchel für viele Reaktionen verantwortlich. Seltener die Sandbleche oder das Ersatzrad auf dem Dach.

Mal rufen sie einfach im Vorbeifahren: “I like your snorkel!“, “cool camper“ oder sie zeigen mir den Daumen nach oben.

sdr
Burntcoat Head Park, Bay of Fundy

Aber oft kommen die Leute auch auf dem Parkplatz zu mir und stellen Fragen und wünschen alles Gute.

In Deutschland wurde däm Jung auch staunend hinterher geguckt. Aber ich bin nie angesprochen worden. Die Leute hier sind lockerer, offener, ja freundlicher.

Andrzje aus Toronto.

Im Cape Breton National Park treffe ich
Andrzje aus Toronto, auf dem Campingplatz.

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Ingonish Beach Campground, Cape Breton National Park

Er lädt mich nach ein paar gewechselten Sätzen gleich zu sich nach Hause ein. Er ist gerade auf dem Sprung, aber ich soll auf einen Kaffee, ein Bier oder ein Barbecue vorbei kommen. Er findet es spannend, wie ich Reise und möchte gerne mehr erfahren und mir die Gegend zeigen. Ich bin baff. So was ist mir bisher noch nie passiert. Und ich bin grade erst eine Woche unterwegs. Leider klappt später der Kontakt nicht, vielleicht ein Zahlendreher in der Nummer.

Will aus Brighton.

Bei Alan in der Werkstatt in Brighton kommt ein anderer Kunde extra noch mal zurück gefahren, um mir seine Karte zu geben. Will lädt mich zu sich nach Hause ein, falls ich ein Bett oder eine Dusche brauche, weil mein Auto ja nicht fährt. Als ich ihn frage, warum, bekomme ich eine erstaunliche Antwort: Er möchte zurückgeben, was er damals in Europa erlebt hat, als er durch Frankreich, Belgien und Holland gereist ist. So kenne ich unser Europa ja gar nicht…

Wann habt ihr zum letzten Mal einem fremden Menschen in einer Autowerkstatt eine Dusche angeboten?

Mike aus Lennoxville.

Ich “besuche“ die Bodensee Overlander Claudia und Bernd und fahre uneingeladen zu Mikes Landrover Werkstatt in Lennoxville. Dafür lädt mich der Waschbären-Ziehvater zum Barbecue mit seinen Freunden ein. Natürlich darf ich auch kostenlos zwei Tage auf dem Hof stehen.

Wann habt ihr zum letzten Mal einen Fremden zum Grillen eingeladen, weil er in eurer Einfahrt stand?

Ned aus Toronto.

Ned treffe ich abends mit Freunden am Strand, wo sie einen Geburtstag feiern. Ich werde wie selbstverständlich in die Runde aufgenommen. Ned lädt mich in sein Tonstudio ein und hilft mir mit Adressen für Computer- und Autowerkstätten. Die Geschichte habe ich hier schon erzählt.

Vor dem hübschen Blumenstädtchen “Niagara On The Lake“ (Empfehlung für alle, die auch die Fälle besuchen!) stehe ich in einem kleinen Park, mit Bäumen und Wiese außerhalb des Ortes.

Die Leute kommen hier hin zum Picknicken, um mit dem Hund Gassi zugehen oder zum Parken für den nahen Strand. Es ist ruhig hier, niemand stört mich. Ich bleibe.

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Aber am dritten Tag beschwert sich eine Frau und ruft das Ordnungsamt. Der erste unfreundliche Mensch in Kanada seit nun sechs Wochen.

Paul und Jen aus Niagara On The Lake.

Eine Stunde später kommt Paul mit seinem alten VW Bulli vorbei. Wir wechseln ein paar Worte, ich erzähle von der Ordnungsamtsfrau.

Er meint, solche doofen Leute gäbe immer wieder. “Komm zu uns, du kannst in unserer Einfahrt stehen. Ich wohne gleich um die Ecke im Ort. Wir essen zusammen, du kannst duschen und wir haben auch ein Bett in dem du schlafen kannst. Ich zeige dir dann die besten Ecken am Niagara River.“

Und wieder bin ich platt. Dieses Mal sage ich zu! Wann er denn Zeit hat, wann ich vorbeikommen soll, frage ich. “Wann immer du willst.“ ist die Antwort, die auch ganz genau so gemeint ist.

Unfassbar!

Ich fahre nachmittags zum Haus. Paul wohnt da mit seiner Schwester Jennifer, beide sind unverheiratet und Reisevögel.

Paul war schon in 40 Ländern der Erde, Jennifer in 120. Paul zeigt mir ihr Haus. Er hat fast alles selbst gemacht, von der Wasserversorgung bis zum Treppengeländer. Im Treppenhaus sind Bullaugen in der Wand eingelassen. Die Bar im Keller besteht aus einem echten, mit der Motorsäge abgetrennten Heck eines kaputten Segelschiffs. Im ganzen Haus steht Deko aus allen Teilen der Welt.

An der Wand hängen Holzpropeller von Militärdrohnen aus Afghanistan. Dort hat Paul vor zehn Jahren auf einer Basis in Kandahar als Mechaniker gearbeitet. In der Zeit, als die Taliban noch ihre Hochzeit hatten. Aus dem Camp durfte niemand raus. Wer das trotzdem getan hätte, wäre ausgeschlossen worden. Das Militär hätte ihn sofort gefeuert und nicht mal mehr zurück geflogen. “If you go out, you can walk home!!“
“Wenn du raus gehst, kannst du nach Hause laufen!!“

Sie machen ein leckeres Barbecue und wir erzählen uns Reise- und Lebensgeschichten. Jen hat auf großen Schiffen gearbeitet, ist damit viel rumgekommen und hat ein Hausboot auf Vancouver Island.

Aber Paul ist der aktivere Gesprächespartner. Er hat nach der Schule gelernt, digitale Landkarten für die Verwaltung zu erstellen, als die Computer noch in den Kinderschuhen steckten. Er war gut, aber er war auch ein guter Motorradmechaniker. Und da eine Werkstatt ihm das Vierfache zahlen konnte, wie die öffentliche Hand, und er außerdem immer ein halbes Jahr frei bekommen konnte, ist Mechaniker geworden. Denn er wollte auch Reisen. Viermal ist er in Kanada komplett von Ost nach West gefahren, 5500 Kilometer. Und auf dem Yukon River hat er spontan eine zweiwöchige Kanutour gemacht. Nach einem Tag Vorbereitung, wofür andere Wochen brauchen.

Er ist außerdem über den Ozean gesegelt und hat eine Zeit lang auf einem Segelboot in Costa Rica gelebt. In der Motorradwerkstatt, wo die einheimischen Mechaniker meistens lieber rumgammeln, verletzt er sich schlimm am Finger, aber keiner hilft ihm. Er verkauft umgehend das Boot und kündigt von heute auf morgen mit einer filmreifen Szene. Nicht mit Paul!

Danach geht es zurück nach Kanada an den Lake Huron. Dort liegen in den Zuflüssen versunkene Baumstämme von vergangen Flößereien, teilweise über 100 Jahre alt. Die Holzwirtschaft war (oder ist?) neben der Pelztierjagd und Bodenschätzen der bedeutendste Wirtschaftszweig Kanadas. Etliche Baumstämme sinken beim Flößen, weil sie sich voll Wasser saugen. Im Schlamm und kalten Wasser konservieren sie. Und diese Stämme werden jetzt durch Taucher oder Sonar gesucht und dann aufwendig gehoben. Denn das konservierte Holz ist besonders und begehrt und es wird gut dafür bezahlt. Welch ein Lebenslauf!

Ich kann natürlich bei ihnen duschen. Ich schlafe aber dennoch im Auto, das ist halt mein Zuhause. Paul lässt für mich die Hintertür offen, damit ich nachts ins Bad kann. Wir kennen uns erst seit ein paar Stunden…!

Wann habt ihr zum letzten Mal einen Fremden zu euch nach Hause eingeladen, weil er illegal in einem städtischen Park übernachtet hat?

Ich habe sowas in Deutschland bisher nicht gemacht. Ich hoffe, das wird sich in Zukunft ändern!

Aber die Kanadier sind echt der Hammer!!!

5 Gedanken zu “Kanadische Gastfreundschaft 1

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