TRAVEL IN GOOD SPIRITS

Tobermory, Bruce Peninsula im Lake Huron.

Heute war ein guter Tag, ein sehr guter! Irgendwie der gefühlte tatsächliche Beginn der Reise…

Ich sitze im Mondlicht an Deck einer ziemlich großen Fähre, die mich von der Bruce Halbinsel über den Huronsee in 1:45 Stunden nach Manitoulin Island bringt. Ich sitze am Heck des Schiffes in einem dieser gemütlichen, roten Kanada-Stühle mit der gefächerten Lehne.

mde

Diese Fahrt ist ein Déjà-vu zu dem Start meiner ersten großen Reise, die ich vor 18 Jahren in Chile in Puerto Montt begonnen habe. Auch damals mit 25 war ich auf einer Fähre, die erst im Dunkeln ankam, in einem unbekannten Ort. Dort in Chile war es das erste Mal, dass ich losgezogen bin, ohne vorher etwas gebucht zu haben. Weil man einfach nichts vorher buchen konnte. Und trotz, dass die Fähre zwei Stunden zu spät ankam, um 22 Uhr im Dunkeln irgendwo in den patagonischen Fjorden, habe ich noch problemlos ein Zimmer in dem kleinen Ort Puerto Aisen an der Carretera Austral bekommen. Die Leute warteten einfach im Hafen auf die Fähre und boten dann Taxifahrten und Unterkünfte an.

Das Gefühl heute auf der Fähre erinnert mich total daran. Auch, wenn ich jetzt mit dem eigenen Auto unterwegs bin, statt mit dem Rucksack.

Bisher ist es nicht wirklich gut gelaufen. Ich bin kaum von der Stelle gekommen. Geplant hatte ich 6 Tage bis zu den Niagarafällen. Es wurden 56 Tage daraus! Eigentlich wollte ich in zwei Wochen in den Rocky Mountains sein. Aber die Panne mit däm Jung, die Probleme mit der Batterie, mit dem Keilriemen, der kaputte Computer, das verlorene Portemonnaie… alles hat mich wochenlang aufgehalten. Ständig hat eine Aktivität dazu geführt, dass eine andere nicht mehr klappte und einen zusätzlichen Tag beanspruchte. Oder zwei. Oder vier.

Und gestern habe ich nicht mal mehr einen Stellplatz gefunden. Die Bruce Halbinsel ist fast überall privat. Überall sind Verbotsschilder. Man kommt nicht mal ans Wasser. Kein Weg, in den man sich stellen könnte. Zugang nur für die Feuerwehr.

Immerhin haben die Kanadier Humor und garnieren ihre Schilder ab und zu mit solchen Späßen:

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So, wie die Kanadier immer wieder einen herrlichen Humor haben.

cof

Aber der Stellplatz aus der App war jetzt verboten und der von mir vorher ausgesuchte Campingplatz doch geschlossen. Weit und breit keine Möglichkeit und es war inzwischen schon Dunkel. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich einfach in die einzige Bucht an die Straße zu stellen.

cof

Gleich neben einem Sammelbriefkasten. Die Post fährt hier nicht zu jedem einzelnen Haus, das würde viel zu lange dauern, weil alles so wahnsinnig weitläufig ist. Die Briefkästen stehen vorne an der Straße oder es sind sogar solche Sammelkästen an Kreuzungen aufgestellt. Seht ihr ihn auf dem Bild oben? Nein? Dann hat er seinen Zweck wohl erfüllt, denn die Briefkästen sind hier in Tarnfarben lackiert. Weiß der Geier, warum… Hoffentlich findet der Briefträger ihn.

cof

Die Mücken waren teilweise unerträglich, man konnte abends nicht mehr raus. Trotzdem erwischen sie einen immer wieder. Und einige Biester haben richtig fiese Tricks auf Lager.

cof

Aber heute hat mal alles geklappt!

Obwohl ich länger geschlafen habe, als eigentlich gedacht. Darum bin ich ohne Frühstück los, um nach über einem Monat noch mal mit der Drohne zu fliegen. In der dicht besiedelten Region am Ontariosee ging das nicht, ist überall verboten. Und hier von der Bruce Halbinsel habe ich vorher Bilder im Netz gesehen, mit tollen Felsen im flachen, türkis-blauen Wasser.

Auf dem einzig freien und erlaubten Weg zum Strand stoße ich aber auch noch auf eine ganze Schar großer und wunderschöner Monarchfalter. Ich fotografiere sie und mir gelingen sogar mit dem Handy tolle Fotos und Videos von den Schmetterlingen.

cof

Dann lasse ich die Drohne fliegen. Es ist sehr windig. Die Steuerungssoftware gibt eine Warnung wegen hoher Windgeschwindigkeit aus. Und gegen den Wind kämpft der kleine Kopter richtig. Manchmal kommt er nicht mehr näher, kann nur verhindern, dass er weiter abgetrieben wird.

Das Fliegen ist jedes Mal eine nervenaufreibende Sache. Zuhause beim Üben ist sie mir schon zweimal abgestürzt. Einmal in ein riesiges Gestrüpp aus Brombeerdornen, aus dem ich sie fast nicht mehr heraus bekommen hätte. 30 Meter musste ich mich mit Motorradkleidung und Machete den völlig überwucherten, steilen Hang hinunter kämpfen.

Ich bin jedesmal bis in die Haarspitzen angespannt und mache auch jedesmal drei Kreuze, wenn das Gerät wieder sicher gelandet ist. Es ist so schnell passiert, dass man sie verliert. Erst recht über Wasser. Es kann passieren, dass das Funksignal abreißt oder der Wind zu stark wird. Trotzdem gelingen mir auch mit der Drohne die Aufnahmen von der Küste des Huronsees bei Tobermory.

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Dabei muss man sich klar machen, dass das ein See mit Süßwasser ist – kein Meer!

Nach der Aktion ist schon 1 Uhr durch und ich muss dringend was essen. Außerdem gehe ich auf einem Campingplatz noch duschen, denn das letzte Mal ist schon drei Tage her. Dort frage ich nach der Fähre und der Mann hinter dem Tresen meint, dass die letzte Fähre für heute grade laden müsste.

Ok, denke ich, dann bleibe ich halt noch einen Tag hier. Das bin ich ja nun gewohnt…

Es gibt noch einen National Park gleich um die Ecke. Also fahre ich nun noch dort hin. In dem Park sind wohl die Aufnahmen entstanden, die ich kenne. Es ist schon 16:30 Uhr. Trotzdem schaffe ich es, den kurzen Film über den Park zu sehen, auf den Aussichtsturm zu steigen und zur Bucht mit dem türkisen Wasser zu gehen. Dieses Wasser ist echt hammermäßig klar und grün-blau und schon vom Ufer sieht es total genial aus!

cof

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Und wenn die Fähre eh weg ist, kann ich auch die Drohne noch mal los schicken. Aus der Luft offenbaren sich nun die ganze Schönheit der Küste und ungeahnte Einblicke in die Tiefen der Georgian Bay. Einfach überwältigend!

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Danach ist es 18:15 Uhr und ich bin total happy, dass das heute alles so gut geklappt hat.

Im Visitors Center bekomme ich noch einen Fahrplan der Fähre. Es soll nun doch um 20 Uhr noch eine Fahrt geben. Aber ich habe keine Reservierung. Ich fahre zum Hafen. Sollte es nicht klappen, würde ich morgen nochmal in den Park gehen und mir die Hauptattraktion “The Grotto“ ansehen, eine Felsenhöhle mit Tunnel zum See, durch den Licht herein kommt. (googelt mal;)

Aber ich bekomme auch noch einen Platz auf der Fähre! Sie ist groß, mit indianischen Mustern bemalt und auf der Seite steht in großen Lettern: TRAVEL IN GOOD SPIRITS

Reise mit guten Geistern. Das könnte doch ab jetzt das Motto sein!

Und im Sonnenuntergang laufen wir aus dem Hafen aus. Die Dämmerung auf dem See ist wunderschön und ich stehe fast die ganze Zeit draußen an Deck.

mde

Der Huronsee ist wie ein Meer, es bläst eine richtig steife Brise und wir haben 3 Meter Seegang. Trotzdem ist der Wind unerklärlicherweise recht warm. Und so stemmen sich auch die Kinder und ein paar Motorradfahrer am Bug der Fähre gegen den Wind, der einen in Böen fast umwerfen kann.

Als es dunkel wird, gehen Mond und Sterne auf und der Mond wirft sein einerseits fahles, andererseits helles Licht in einem silbernen Schleier auf die rollenden Wellen.

mde

Wie konnte das nur alles an einem Tag klappen?! Hat es bisher zwei Monate lang ja auch nie. Ich kann es gar nicht fassen.

Und vor mir liegt ein unbekannter Ort auf einer unbekannten Insel. Ich verlasse durch diese Fährfahrt auch endlich den Dunstkreis Torontos. Denn die Bruce Halbinsel ist nur 3 Stunden von diesem riesigen Ballungsgebiet entfernt, ein beliebtes Ausflugsziel und darum ja auch auf jedem Quadratmeter privat und verboten.

Der Stellplatz, den ich auf Manitoulin Island jetzt im Dunkeln suche, liegt nur vier Kilometer vom Hafen entfernt und ist schon in der Einsamkeit.

Ich stehe in einem Bilderbuch – im hellen Mondlicht, auf einer kleinen Lichtung zwischen den Kanada-Fichten, direkt am See.

Und vorgestern in Wiarton habe ich mit der Abgabe des Laptops auch den letzten Hemmschuh, den letzten Klotz am Bein abgegeben.

Vielleicht beginnt die Reise jetzt ja tatsächlich.

cof

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