Ungebetener Besuch

Der perfekte Tag liegt hinter mir. Ich bin mit der Fähre nach South Baymouth auf die Insel “Manitoulin Island“ im Huronsee gefahren. Laut Wikipedia hat der Ort 406 Einwohner. Ganz schön klein für die große Fähre, die hier im Sommer täglich tausende (Durch-) Reisende aufnimmt und entlässt.

Aber entsprechend schnell bin ich raus aus dem kleinen Ort. Es ist schon zehn Uhr abends. Aber dank der Stellplatz-App iOverlander finde ich auch im Dunkeln nur 4 km entfernt einen traumhaften Platz an einem See, zu dem nur eine Schotterstraße führt.

Eine Lücke zwischen den typischen Fichten gibt den Blick auf das Wasser frei. Und der ist einfach nur spektakulär.

Die Nacht ist sternenklar. Und Sterne gibt es hier, wie ich sie noch nie gesehen habe! Ich bin ja schon etwas rumgekommen, aber nicht mal in Marokko habe ich so viele Sterne gesehen. Trotz des hellen Vollmondes, der das ganze komplettiert, ist die Milchstraße deutlich zu erkennen. Viel, viel deutlicher, als man sie in Deutschland sehen kann. Und all das spiegelt sich auch noch in dem See…

Ich wusste nicht, dass man das Spiegelbild der Sterne überhaupt im Wasser sehen kann. Ich dachte, dafür sei deren Licht zu schwach. Und außerdem hab ich noch nie einen so ruhigen See gesehen. Es weht absolut kein Lüftchen, nur darum ist das überhaupt möglich.

Der Tag endet also mit einem weiteren Superlativ und ich bin gespannt, wie der Platz bei Licht aussieht.

Ich bin echt froh, endlich aus den Städten raus zu sein. Dafür bin ich ja nicht nach Kanada gekommen. Campen ist dort auch immer schwierig. Außer auf den wenig romantischen Walmart-Parkplätzen darf man kaum irgendwo stehen. Ich habe dort zwar wirklich tolle Menschen kennengelernt und auch tolle Dinge erlebt! Aber jetzt ist mal Zeit für die Natur.

Dach aufklappen, Zähne putzen, Bett ausziehen, schlafen gehen. Aber ich schlafe noch lange nicht ein, sondern schreibe die Erlebnisse nieder.

Da wackelt plötzlich das Auto. Ich bin das eigentlich gewohnt. Schließlich sitzt die Kabine auf der Ladefläche und bei Windböen wackelt sie durch die Federn des Fahrwerks natürlich.

Aber das war anders! Es war mehr wie ein Schlag. Ich bin mucksmäuschenstill und lausche nach draußen. Da, wieder! Etwas ist draußen am Auto!

Ich lösche sofort alle Lichter und lausche noch angestrengter. Aber das ist nun gar nicht mehr nötig. Jetzt kratzt es laut vernehmbar am Lack. Ich habe auch nicht gewusst, wie laut das Blut in den Ohren pochen kann…

Es kratzt und wackelt weiter. Ich sitze machtlos in der Kabine. Mein Herz rast. Was ist da draußen? Was ist groß genug, um das Auto zum Wackeln zu bringen? Und was will es??

Ist es ein Bär? In ganz Kanada gibt es Bären. Vielleicht nicht in Toronto, aber sonst überall! In Nova Scotia bin ich bereits einem Kojoten begegnet. Mein erstes, sehr spannendes Wildlife-Erlebnis. Aber das ist eine andere Geschichte. Was ist da jetzt draußen an meinem Wagen? Warum kratzt, schabt und wackelt es an dem Auto?

Irgendwann ist es vorne an der Frontscheibe und am Alkoven. Ich versuche mir einzureden, dass es ein Waschbär ist. Die klettern gerne auf Autos. Sie werden immerhin bis zu 11 kg schwer. Und schließlich musste Rupert schon die Fußtapsen anderer Waschbären von meiner Motorhaube wischen… Lassen… hier das berühmte Video dazu.

Aber jetzt habe ich echt Schiss! Trotz allem – es hört sich nicht mehr nach einem Bär an. Dazu ist es jetzt zu weit oben. Ich nehme meinen Mut zusammen und schlage mit der Faust mehrfach kräftig von innen gegen das Dach.

Und das funktioniert. Der ungebetenen Gast verzieht sich augenblicklich und es kehrt wieder Stille ein. Nur das Pochen in meinen Ohren hält noch eine ganze Zeit lang an.

Willkommen in der Wildnis! Das ging schnell.

In dieser Nacht gehe ich nicht mehr nach draußen. Und mir ist einmal mehr bewusst geworden, wie dünn besiedelt und wie ursprünglich Kanada in weiten Teilen noch ist. Und, dass man sich entsprechend zu verhalten hat.

Dieser Artikel muss mal ganz ohne Bilder auskommen. Es war schließlich mitten in der Nacht. ; )

3 Gedanken zu “Ungebetener Besuch

    1. Hey Tody, danke dir! Das hoffe ich in dieser Form auch! Aber das ist halt ein mit Menschen sehr dünn besiedeltes Land. Hier gibt’s noch massenhaft wilde Tiere. Und andererseits möchte man die ja auch gerne sehen. Allerdings nicht im Camper. 😉 Dä Jung läuft gut, hustet nur morgens ein bisschen. Ich hoffe, es wird keine Erkältung draus.
      Viele Grüße in die Heimat!

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