Frühstück bei Rick – das ist eine verschiedene andere!

Pünktlich um neun Uhr stehe ich bei Rick und Diana vor der Wohnwagentür. Beide empfangen mich freudig und fragen, wie ich den Kaffee gerne hätte.

Der Wohnwagen ist so ein großer mit Slide Outs, also ausfahrbaren Seitenteilen, die den Wohnraum enorm vergrößern. Wie ich später erfahre, ist das ihr Haus, mehr brauchen sie nicht. Als Wohnwagen groß, als Haus dann wieder klein – aber immer noch zwölfmal größer als dä Jung.

Um den Wohnwagen herum ist eine große, überdachte Holzterrasse gebaut, auf der wir nun draußen sitzen. Überall stehen Blumentöpfe mit Tomaten- und Chilipflanzen. Die baut Rick selber an und der Geschmack ist eine “verschiedene andere“ wie er sagt. Nicht mit den wässrigen, geschmacklosen Dingern aus dem Supermarkt zu vergleichen! Er rollt mit den Augen.

Rick redet Deutsch mit mir. Ich versuche immer wieder auf Englisch zu antworten, da Diana offensichtlich Kanadierin ist und kein Deutsch spricht, aber er freut sich wohl so über den Besuch aus der alten Heimat, dass er konsequent beim Deutsch bleibt. Also dann ok. Diana sitz lächelnd daneben. Als Rick mal nach drinnen verschwindet, frage ich sie und sie sagt, dass sie zwar nur wenig versteht, es aber mag, der fremden Sprache zuzuhören. Und Rick spräche sie so selten.

Ricks Deutsch ist ein bisschen eingerostet. Er kann zwar alles sagen, aber immer wieder wählt er lustige Ausdrücke und das ganze ist mit einem starken amerikanisch rollenden R gewürzt.

Ob mir denn der Fisch geschmeckt hätte, will er natürlich wissen. „Natürlich!“, sage ich. “Das war der beste Lachs, den ich je gegessen habe!“

“Die Fische hier in den Flüssen und Seen sind eine verschiedene andere.“, sagt Rick. Das Wasser ist klar und nicht verschmutzt, die Fische groß, gesund und von vollem Geschmack.

Wo ich her komme und hin will ist natürlich immer ein Thema. Ja, die Fähre nach Manitoulin Island und die großen Seen. „Das ist eine verschiedene andere!“, womit Rick die schiere Größe der Seen meint, die jeder Fremde für ein Meer hält. Es gibt Leute, die es nicht glauben wollen, dass sie an einem See stehen, bis sie das Wasser probiert haben, welches aber nicht salzig ist!

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Trotzdem können die Wellen massiv und wie auf dem Meer werden, auf den Great Lakes. „Das ist eine ganz verschiedene andere!“, meint Rick. Die Wellen können kleine und große Boote zum Kentern bringen.

Berühmt ist die Geschichte des großen Laker-Frachtschiffs Edmund Fitzgerald, das trotz seiner 222 m Länge im Jahr 1975 im Lake Superior unterging und alle 29 Seeleute mit in den Tod riß. Es war dem anhaltenden, schweren Sturm und den über 10 m hohen Wellen nicht gewachsen. Und eine sogenannte Monsterwelle ist ihm dann wohl endgültig zum Verhängnis geworden. Durch das Lied „The Wreck of the Edmund Fitzgerald“ von Gordon Lightfoot, einem kanadischen Folksänger, wurde das Unglück schließlich weltweit bekannt.

Aber selbst die Wellen auf dem See und in Ufernähe sind jeweils eine verschiedene andere, erzählt Rick. Und erst die Distanzen! Ich wolle durch ganz Kanada fahren? „Oh, das ist eine ganz verschiedene andere! Nicht wie in Europa, wo man in zwei oder drei Stunden in einem anderen Land ist.“ Er rollt mit den Augen. „Und die Prärien sind groß und flach. Weißt du, FLACH!“, betont Rick. Sie erstrecken sich über fast 2000 km zwischen den großen Seen und den Rocky Mountains.

Wohin ich danach will, fragt er. „Am liebsten bis Yukon oder sogar Alaska.“, sage ich. „Oh, das ist wirklich eine verschiedene andere!“, entfährt es Rick. „Da ist Wildnis. Richtige Wildnis, weißt du! Und Grizzlies! Die sind mal eine ganz verschiedene andere! Nicht wie die hiesigen Schwarzbären. Grizzlies sind riesig, weißt du, RIESIG!“

Wir reden auch über Kanadier und Deutsche und die sind natürlich… eine verschiedene andere. „Die Deutschen mit ihrer Hektik…“ Und ich kann ihm nur zustimmen.

Hier auf den Straßen fließt der Verkehr ruhiger, es wird viel weniger gedrängelt. Viel weniger. Es gibt natürlich auch viel weniger Autos, bei der geringen Bevölkerungsdichte. In Deutschland leben im Schnitt 232 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Kanada nur 3,6.

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Und an der Kasse im Supermarkt packt die Kassiererin die Waren für einen in die Tüte und man steht daneben und guckt zu. Wie sie jedes Teil einzeln scannt und dann ordentlich in der Tüte platziert. Wenn was nicht passt, wird umsortiert. Und dahinter in der Schlange wartet jeder geduldig. Was für ein Unterschied zu unserer heimischen Art!

Rick zeigt mir auch seinen Wohnwagen und Bilder von seiner früheren Arbeit. Da steht er vor einem brennenden Schiff, aus seiner Zeit als Rettungstaucher. Oder wie er mit dem Motorrad durch eine Kurve braust. Er hat auch Ahornsirup produziert, die süß-herbe kanadische Spezialität. Es sei normal, dass man in Kanada öfter den Beruf und den Ort wechselt. Das bestätigt auch Diana. Die muss nun aber los um Besorgungen zu machen.

Und auch für mich ist es schließlich Zeit zu gehen. Rick versorgt mich aber noch mit allen Tipps über Manitoulin Island, die es nur gibt. Auf einer Karte zeichnet er alles ein.

cof

Der Wasserfall ‚Bridal Veil Fall‘ (Brautschleierfall) ist ein Muss! Und die Schokoladenfabrik. Und, und und…!

Und ich muss unbedingt seine Tomaten mitnehmen! Die schmecken so eine verschiedene andere! Und seine Paprika und Chili. Er packt eine ganze Tüte für mich zusammen.

sdr

Am Schluss frage ich ihn um ein Foto. Er rollt mit den Augen. Und ob er auf Facebook ist? Er rollt mit den Augen und schüttelt den Kopf. Nee, sowas braucht er nicht. Aber das Selfie machen wir doch. Danke für alles, Rick, du bist der Wahnsinn!

dav

So ausgerüstet begebe ich mich auf eine zweitägige Erkundungstour über die Insel. Ich bade in den Bridal Veil Falls, eines der tollsten Erlebnisse bisher überhaupt.

dav

Und man sieht dem gemächlichen Wasserfall nicht an, welche Kraft schon das wenige Wasser hier hat. Niemand hält es lange unter ihm aus, so sehr prasselt das Wasser aus 11 Metern Höhe nieder. Ich denke an die Niagarafälle – wo es sogar einen Fall gleichen Namens gibt – und stelle mir die Gewalten dort vor. Aber hier ist es auch leichter, hinter dem Wasserfall her zugehen, natürlich ebenfalls ein Muss.

cof

Ich kaufe Pralinen in der Schokoladenmanufaktur und brate abends den zweiten Lachsbrocken, nach dem ich an einer Landstraßen in der Nähe von Kagawong ein schönes Plätzchen gefunden habe.

Die Insel der guten Geister. Alles passt!

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3 Gedanken zu “Frühstück bei Rick – das ist eine verschiedene andere!

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