Keilriemenwechsel mit Hindernissen

Mein Keilriemen reißt, als ich in dem kleinen Kaff ‚Boston Bar‘ am Highway No 1 grade über den Bahnübergang fahre.

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Ich bin inzwischen weit im Westen des Landes, in der letzten Provinz British Columbia angekommen. Das Tal des tief eingeschnittenem Thompson River ist fast wie im Wilden Westen und ganz anders, als das gesamte Kanada, was ich bisher fünf Monate lang erlebt habe. Er fließt in den etwas größeren Fraser River, der sich schon ziemlich mächtig, aber trotzdem oft noch wild und mit vielen Stromschnellen gen Pazifik windet.

Der Zusammenfluss beider Flüsse ist besonders interessant. Der Thompson River führt klares, blaues Wasser, der Fraser River ist hingegen sedimentbeladen und braun. Dadurch bekommt man für ein paar hundert Meter einen zweifarbigen Fluss.

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Zuerst befürchte ich irgendwas mit dem Getriebe, weil es so ein mahlendes Geräusch von sich gibt. Aber der Blick unter die Motorhaube zeigt schnell, dass es nur der Keilriemen ist. Er ist gerissen und wirbelte herum, das war das Geräusch. Außer ein bisschen Isolierwolle von der Motorabdeckung scheint sonst nichts kaputt.

In Niagara on the Lake hat mir Paul gezeigt, wie das geht und ich habe dort ja auch extra auf zwei neue Keilriemen gewartet, für den Fall der Fälle. Und der ist nun mal jetzt da.

 

Ich öffne die Motorhaube, hole das Werkzeug und versuche zunächst, ob ich einen neuen Riemen überhaupt über das Propellerrad des Kühlers kriege. Da so ein Keilriemen recht störrisch ist, geht es nur Schaufel für Schaufel, aber immerhin muss ich so nicht den Kühler oder ähnliches ausbauen. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung vom Schrauben und von Kfz-Technik.

Nebenan wird ein Güterzug rangiert und ein großer Mann in oranger Arbeitsjacke kommt sofort zu mir gelaufen, als er mich mit offener Motorhaube da stehen sieht. Er heißt Joe und hilft mir sofort, wo er kann.

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„Zwischendurch“ fügt er noch einen langen Zug zusammen. Per Funk dirigiert er den kilometerweit entfernen Lokführer am anderen Ende, bis die zwei Zughälften verkuppelt werden können. Dann holt er für mich eine ordentliche Bahn-Laterne, da meine kleinen Akkuleuchten recht schwach für die Arbeiten sind.

Denn es will nicht gelingen, die neuen Keilriemen über alle Rollen zu bekommen und es wird darüber schnell dunkel. Mir wird mulmig und ich bereue meinen anfänglichen Optimismus, nach dem Motto „so schwer kann das ja nicht sein“. Aber Joe hilft mir mit Rat und Tat und besonders mit Aufmunterungen auf Deutsch – seine Eltern kommen aus Österreich.

Er kommt aus Kamloops und übernachtet für seinen Dienst mit vielen anderen im Bunkhouse der Bahn, dem rund um die Uhr besetzen Leitstand mit Unterkunftsbaracke für die Zugbesatzungen und Techniker. Die wechseln oder schlafen hier, damit die Züge ihre tagelange Fahrt durch das riesige Land ohne große Pausen durchführen können.

 

Schließlich klappt es mit den Keilriemen doch! Ich freue mich total und bin erleichtert aber auch platt von der Anspannung. Eigentlich möchte ich heute nur noch einen Platz für die Nacht finden und gehe ins Bunkhouse um Joe nach einem Campingplatz zu fragen.

Aber es gibt im Ort zu dieser Jahreszeit keinen offen Campingplatz mehr. Also verhandelt er kurzerhand mit der Leiterin, dass ich nachts Strom vom Bunkhouse bekommen kann, wenn zwischen den Schichten keiner den Anschluss braucht.

Er teilt sogar sein mitgebrachtes, von seiner Frau gekochtes Chili con Carne mit mir, weil er meint, dass meine Nudeln mit Soße doch nix wären.

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Chili con Carne mit Joe

Und Joe erklärt mir einiges, wie das mit der Eisenbahn technisch und logistisch funktioniert, was er zu tun hat und er zeigt mir das Computersystem, mit dem man alle Züge seiner Eisenbahngesellschaft ‚Canadian National Railway‘ in ganz Kanada und den USA online verfolgen kann. Natürlich kann man die Position, Pünktlichkeit und Verspätung sehen. Aber auch das Wetter, die Streckenbeschaffenheit und selbst, wie viel Treibstoff jede Lokomotive noch hat und wie die aktuelle Besatzung heißt, kann man für jeden Zug abrufen.

Trotzdem will ich weiter. Joe ist furchtbar nett und hilfsbereit. Aber es ist auch furchtbar laut an der Rangierstation. Die bis zu 170 Tonnen schweren und 4000 PS starken Loks lassen die Erde im Umkreis von 100 Metern beben.

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Alles vibriert, wenn sie vorbeifahren. Die Züge sind bis zu 2,6 Kilometer lang, werden von zwei bis drei Loks gezogen, rattern unentwegt und brauchen 20 Minuten, bis sie durch sind. Dazu läutet am Bahnübergang währenddessen die ganze Zeit eine Warnglocke für die Autos. Ping, Ping, Ping, Ping, Ping. Nach 10 Minuten kommt der nächste Zug.

Außerdem habe ich eh schon viel Zeit wegen der Panne verloren und entschließe mich, im Dunkeln weiterzufahren, was ich normalerweise nicht mache. Joe möchte mir unbedingt noch irgendwas mitgeben und schenkt mir Hygienepakete der Bahn mit allen möglichen Reinigungstüchern, Zewa und Ohrenstöpseln, die in der Baracke für die Übernachtungen bereit liegen. Dann verabschieden wir uns herzlich. Wieder Einer, der alles stehen und liegen gelassen hat, um mir zu helfen! Danke Joe – und viele Grüße an deine Frau und den Kleinen!

Dass ich Joe schon bald wiedersehen sollte, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die ganze Geschichte seht ihr im Video:

4 Gedanken zu “Keilriemenwechsel mit Hindernissen

  1. Hey dodo wirst doch noch zum schrauber auf deiner Reise
    Wünsche dir weiterhin gute fahrt und freue mich auf den nächsten Block

    Leider hat es ja schon in Marokko nicht geklappt jetzt bin ich auf der interamerikana 1 in Costa Rica Richtung Süden unterwegs und du noch in Richtung Norden

    Lass es dir gut gehen und genieße es
    Liebe Grüße Tody

    Gefällt 1 Person

    1. Dass das mit dem Treffen on the road nicht klappen will… So cool, dass du in Costa Rica bist!!! Da wollte ich ja eigentlich jetzt auch sein. 😔 Werde wohl nicht weiter als Mexiko fahren. Wie ist deine Route, schreibst du auch nen Blog?

      Ja, der Keilriemen. 😅 Mal sehen, was noch alles kommt.

      Dir auch gute Fahrt, ne tolle Tour und liebe Grüße! Beim dritten Mal packen wir das dann mit dem Interkontinentaltreffen!

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