Patrick und die Wölfe

In Revelstoke in der Provinz British Columbia biege ich vom Trans Canadian Highway ab. Es ist Mitte November und ich bin diesem Highway No. 1 nun für über 5000 km gefolgt. Die Abstecher waren nur relativ klein, abgesehen von den Ausflügen nach Cape Breton Island, Niagara Falls, Drumheller und in den Jasper National Park, der 230 km nördlich davon liegt. Es hatte in Revelstoke schon ordentlich geschneit, dann war das meiste wieder getaut und nun mache ich mich auf den Weg in tiefer gelegene Regionen, denn es ist Kälte und neuer Schnee angekündigt.

Ich bin durch die Rocky Mountains durch und auch die Columbia Mountains liegen nun fast hinter mir. Davon jedoch später mehr, das würde im Moment den Rahmen sprengen. Denn an der Rezeption des hiesigen Campingplatzes frage ich, was es wo zusehen gibt? Es folgen viele Tipps und Infos. Und eine Sache brennt sich im Gedächtnis ein.

Wenn man nach Süden auf den Highway 23 abbiegt, muss man nach 50 km den Arrow Lake überqueren. Die Fähre ist sogar kostenlos. Und da bekäme man so ein bisschen „BC Feeling“.

Das BC Feeling

Also das British Columbia-Gefühl. Wow, hört sich gut an! Außerdem habe ich von Sophia und Eric den Tipp für die „Half Way Hot Springs“ bekommen, die auf dem Weg liegen. Auf halber Stecke nach Nakusp.

Die Strecke zur Fähre ist schön, aber recht zugewachsen und man sieht nicht so viel, wie erhofft. Die Fähre fährt im Stundentakt hin und her. Da der See vom Columbia River gespeist wird, ist er entsprechend blau und dunkel. Die Überfahrt ist schön, aber kalt. Denn die Sonne ist bereits untergegangen, es ist um null Grad und durch die kalten Hände vom Fahrtwind mag ich gar nicht lange fotografieren oder filmen.

Viele Leute bleiben in ihren Pickups und lassen den Motor laufen. Unter den Wenigen, die an Deck sind, ist auch ein bärtiger Mann mit einem dicken Strickpulli. Wir grüßen uns kurz und gucken dann jeder für sich die vorbeiziehende Landschaft an.

Als es von der Fähre wieder runter geht, fahre ich direkt auf den Seitenstreifen, um die anderen Fahrzeuge vorbei zu lassen. Dröhnend brausen die aufgemotzten Pickups den steilen Berg hinauf, die beiden LKW qualmend hinter. Ich bin froh, dass ich die los bin. Denn auf dem Land wird schon doch manchmal gedrängelt, obwohl im allgemeinen ruhiger Auto gefahren wird. Und ich zuckel gerne mit 80 – 90 km/h daher, auch bei erlaubten 100 km/h, und bin somit ein rollendes Verkehrshindernis. Denn an die 100 hält sich zudem natürlich kaum einer.

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Alleine im Hinterland

Aber jetzt habe ich Glück. Durch die Fähre habe ich nun eine Stunde lang den Rücken frei und kann so langsam fahren, wie ich will. Im Stillen lach ich mir ins Fäustchen, denn ich find’s super. Auf der anderen Seite ist die Dämmung um 16:30 Uhr schon weit fortgeschritten und ich sollte mich doch etwas beeilen, um die restlichen 40 km nicht ganz im Dunkeln fahren zu müssen. Das hat drei wichtige Gründe. Ersten möchte ich was von der Gegend sehen, zweitens ist die Straße teils sehr gewunden und drittes kommen in der Dämmerung die Wildtiere raus, auch gerne auf die Straße und es kommt leicht zu Zusammenstößen. Darum werde ich noch langsamer, um die 60 km/h.

Und da ist es, das BC Feeling – Fahrt durch ein etwas abgelegenes Hinterland, ähnlich dem norwegischen Fjordland jedoch mit spitzeren Bergen, das im Rhythmus der Fähren atmet, die über tiefblaue Seen gleiten und die Verbindung zur Außenwelt herstellen.

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Als ich ein paar hundert Meter gefahren bin, registriere ich neben einer Brücke am Fahrbahnrand etwas Seltsames im Scheinwerferlicht. Es ist schon ziemlich dämmerig, darum bin ich mir nicht sicher, was dort ist. Ein Pfeiler? Ein Ast? Sieht fast aus, wie ein Mensch.

Und tatsächlich steht dort jemand und hält den Daumen raus… Das gibt es doch nicht!

Hier im Hinterland von BC, abends im Halbdunkeln, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, auf einer Straße, auf der nur jede Stunde vielleicht 15 Autos vorbeikommen und die nächste Ortschaft 40 km entfernt ist – steht einer und trampt?!

Und ich bin das letzte Auto für eine Stunde. Ich halte an. Ich kann den armen Kerl doch nicht in der Kälte stehen lassen.

Der Anhalter im Dunkeln

Es ist doch tatsächlich der Bärtige vom Schiff! Ich staune nicht schlecht. Wohin er will, frage ich ihn. Es ist eigentlich eine blöde Frage, denn es gibt nur eine einzige Richtung – in den See zurück will er sicher nicht. Also räume ich den Beifahrersitz frei, sein schwerer Rucksack kommt hinten in die Kabine und los geht’s.

Er heißt Patrick und kommt aus Regina in den Prärien. „Nice to meet you, Patrick!“ Aber wie er heißt ist nicht die einzige Frage, die ich an ihn habe. Ich bin immer noch etwas verdattert, dass er da so spät rumstand. Darum frage ich: „Was hättest du denn gemacht, wenn ich nicht angehalten hätte?“

„Dann hätte ich mich an der Straße schlafen gelegt“, ist seine simple, unaufgeregte Antwort.

„Du hättest dann ein Zelt aufgebaut?“, hake ich nach. „Öhm, nö, einfach so auf dem Boden.“, gibt er zurück.

Das glaub ich jetzt nicht! Wobei, doch, wenn ich ihn mir genauer ansehe. Patrick ist etwas jünger als ich. Ich schätze ihn Mitte dreißig. Er hat wuschelige Haare und einen zauseligen Bart. Dem dicken Strickpulli, den er als oberste Schicht trägt, sieht man an, dass er draußen zuhause ist, genau wie seiner Hose. Und auch im Fahrerhaus kann man es riechen.

„Aber es ist doch kalt nachts… Da erfriert man doch!“, wende ich ungläubig ein. „Nö, ich habe ja einen Schlafsack. Und hier wird es ja nur so bis -10 Grad. Zuhause in Regina haben wir bis – 50°C.“

Er meint das ernst. Sein Blick ist gleichmütig, gelassen und zuversichtlich. Die Ruhe selbst. Ja, der hätte einfach an der Straße geschlafen.

Ich frage, ob er denn schon Tieren begegnet sei? Wieder ne blöde Frage. Er lacht: „Oh ja! Vielen, vielen Tieren!“ Jetzt wird’s spannend.

„Und, wie sind die so?“ Mein Repertoire an blöden Fragen ist heute ziemlich groß. Ich habe in den letzten vier Monaten auch viele Tiere gesehen und ich habe großen Respekt vor ihnen. Bis auf Kojoten und Adler waren jedoch keine Raubtiere dabei.

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„Die meisten Tiere sind freundlich, wenn sie satt sind.“

Aha! Wenn sie satt sind… Ich will grade meine nächste blöde Frage über hungrige Tiere stellen, da erzählt Patrick weiter: „Ich bin Wölfen begegnet, die wollten gestreichelt werden.“ Auf Englisch: „They want you to pet them.“

„What does that mean, they want you to pet them? – Was heißt das, die wollen gestreichelt werden?!“, frage ich völlig perplex.

„Sie legen sich auf den Rücken, strecken die Beine von sich und wollen, dass du ihnen den Bauch kraulst.“ Ich kann es kaum glauben.

“Echt jetzt? Unglaublich! Aber was machst du, wenn sie hungrig sind?“, muss ich meine Frage noch loswerden.

Verhalten bei wilden Tieren

Ich habe sehr viel über das Verhalten mit wilden Tieren gelesen. Ich habe mir Videos angesehen, andere Blogs gelesen, die offiziellen Seiten und Maßregeln der Parks verinnerlicht. Wölfe streicheln war nicht dabei. Ich bin auf Cape Breton Island einem Kojoten begegnet, ich stand in Banff nur 8 m von einer vierzigköpfigen Hirschherde entfernt und in Jasper ist ein 120 kg Dickhornschaf auf mich zu galoppiert. Aber das hier ist mal eine andere Nummer!

„Du musst stärker, größer, dominanter sein, als sie. Oder zumindest so wirken.“, erklärt mir Patrick nun. „Nimm deine Jacke und halte sie ausgebreitet über deinen Kopf. Damit siehst du größer aus und sie trauen sich erst gar nicht ran. Stampfe auf den Boden, schrei sie an, sei laut.“ Das gilt für Wölfe und Kojoten, nicht unbedingt für andere Tiere!

Bei Bären soll man sich auch groß machen, denn wenn man größer ist als sie, verziehen sie sich eh. Aber man soll ruhig bleiben, sie nicht reizen, wenn möglich langsam zurückziehen, nicht umdrehen, aber den Weg für ihn freigegeben. Wenn ein Schwarzbär angreift, was sehr selten passiert, soll man sich mit allem wehren, was man hat.

Greift dich ein Grizzly an, … nun ja, gegen einen Grizzly hast du ohne Waffen keine Chance. Laut offiziellen Angaben soll man sich fallen lassen und zusammenrollen, den Nacken mit den Händen schützen und tod stellen. Er wird sich in aller Regel verziehen, wenn er seine Überlegenheit demonstriert hat und wenn von dir keine Bedrohung mehr für ihn ausgeht.

Allerdings reicht von einem Grizzly unter Umständen ein einziger Prankenhieb, das sagen auch die Einheimischen. Und wer kann sich todstellen, während der Bär einen mit Klauen und Zähnen attackiert? Hier der Prankenabdruck aus dem Interpretive Center in Banff.

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Zum Glück gibt es nicht so viele davon. Und auch mit Grizzlies sind Vorfälle extrem selten. Man möchte aber auch nicht der eine von einer Million sein. Für alle Bären gilt natürlich zu allererst, dass man in „Bear Country“ vorbeugend nicht alleine wandern geht und laut ist, damit es nicht zu plötzlichen Begegnungen kommt. Und, dass man Bear Spray bei sich trägt und weiß, wie man es benutzen muss.

Hungrige Wölfe

Zurück zu den Wölfen und Patrick. Ich frage: „Aber was, wenn sie dich trotzdem attackieren, ist dir das auch passiert? Wie verteidigst du dich, mit nem Stock?“

“Joa, ein Stock geht auch. Besser ist ne Knarre, der Knall vertreibt sie.“
„Oh, du hast eine Pistole?“
„Nee, nicht mehr, ich bräuchte eine Neue.“
„Und dann schießt du in die Luft?“
„Nein, auf den Boden vor ihnen. Der Knall und auffliegender Dreck und Steine vertreiben sie.“
„Und was machst du jetzt ohne Pistole?“
„In die Schnauze treten. Steine oder Stöcke werfen. Sie wollen dich essen. Und du musst ihnen zeigen, dass du eine schlechte Mahlzeit bist.“

„Aha. Puh. Krass!“ Aber Patrick konnte sich offensichtlich erfolgreich als schlechte Mahlzeit präsentieren. Sonst säße er wohl jetzt nicht auf meinem Beifahrersitz.

„Wie lange bist du jetzt unterwegs?
„Sechs Monate“
„Und machst du das öfter?“
„Seit der High School jedes Jahr. Also seit fast 20 Jahren.“
“Und wie ist es hier zu trampen, in dem riesigen Land mit den enormen Distanzen?“
„Das geht super. An guten Tagen schaffe ich 800 bis 1000 km per Anhalter.
„Wow das ist enorm! Ich schaffe im Schnitt grade mal 80 km, ich nehme mir viel Zeit alles anzusehen. Nehmen dich die Trucker mit?“
„Nein, hauptsächlich einzelne Leute, ganz individuell.“

Bären und Beeren

„Bist du auch Bären begegnet?“
„Nur zweimal. Die sind sehr scheu. Aber einer war mal ganz nah an meinem Schlafplatz. Er aß Beeren im Umkreis von 30 Metern und kam immer wieder näher, bis auf 2 Meter ran.“
„Was hast du gemacht?“
„Nichts. Er hat ja auch nichts gemacht. Einfach ruhig bleiben. Er war neugierig und ist dann wieder gegangen. Klau ihm nur nie seine Beeren. Und NIEMALS wegrennen! Aber Bären sind eh nicht so gefährlich. Es gibt 20 mal mehr Angriffe von Hirschen, als von Bären oder Wölfen. Die sind im Herbst in der Brunftzeit sehr aggressiv. Und die greifen auch immer wieder an um ihr Revier zu verteidigen.“

Hirsche im Herbst und zu anderen Jahreszeiten

„Einmal hat uns ein Hirschbulle 20 Minuten lang verfolgt. Wir sind hinter einen Zaun gesprungen, aber der Hirsch ist hinterhergekommen. Wir sind dann immer wieder von einer auf die andere Seite und der Hirsch ist immer hinterher. 20 Minuten lang.

Ich habe auch mal gesehen, wie ein Hirsch ein Auto eine halbe Stunde lang attackiert hat. Immer wieder hat er versucht, es von der Fahrbahn zu schieben. Das gab gute Löcher im Blech. Und einer stand mal an einer Kreuzung und hat jedes vorbeifahrende Auto angegriffen.

Wie überall gibt es auch unter den Tieren ein paar Arschlöcher. Aber die meisten Tiere sind freundlich! Und den Rest des Jahres auch die Hirsche. Ich schlafe manchmal in ihrer Herde.“

“Wie bitte? Du tust was?!“

„Ich schlafe zwischen ihnen. Mitten in der Herde. Das ist wärmer. Und morgens kommen die Wölfe und laufen auch durch die Herde und checken die Lage.

Einmal bin ich aufgewacht und 6 Hirschkälber grasten um meinen Kopf herum. Nur 15 Zentimeter weg im Halbkreis. Die wollten spielen oder gucken. Und manchmal kommen auch die Hirschkühe an. Die wollen auch gestreichelt werden. Aber da muss man aufpassen, weil sie so groß sind.“

Oh ja, das habe ich in Jasper selbst gesehen. Das Stockmaß der Wapiti-Hirsche liegt um 1,5 m, sie sind die größten Vertreter dieser Art. Nur Elche sind noch größer. Ihr Rücken ist also fast so hoch, wie ein Mensch, ihr Kopf reicht deutlich höher. Sie wiegen zwischen 230 und 450 kg!

Patrick ergänzt seine Erzählung: „Und du musst aufpassen, dass sie dich nicht treten – das tut sehr weh.“ Dabei verzieht er das Gesicht. Keine Frage, er hat auch das erlebt.

So fahren wir 45 Minuten durch das Hinterland von British Columbia. Diese Dreiviertelstunde zählt zu den spannendsten meiner Reise. Ich frage und frage und bekomme eine erstaunlichere Antwort als die andere.

Heizlüfter und Weicheier

Was bin ich für ein Weichei, denke ich zwischendurch immer wieder. Ohne Elektroheizlüfter hätte ich mich gar nicht in die Berge getraut. Oder ist Patrick so eine Ausnahme? Sicher ist er das. Er ist der einzige Kanadier, den ich bisher getroffen habe, der einfach so im Wald schläft. Aber Leute, die hier in die Einsamkeit fahren, mit dem Auto, mit dem Boot, sich durch den Wald schlagen oder hoch zur kalten Hudson Bay, habe ich schon einige getroffen.

Menschen und Winter gibt es nun mal viel länger, als Elektroheizlüfter. Und so haben unsere Vorfahren auch überlebt. Das ist nur heute schwer vorstellbar, wenn man immer in einem Haus mit Zentralheizung und Warmwasser wohnt und auch im Winter stets wohlige 21°C im Wohnzimmer hat.

In meiner Kabine ist es nachts auch kalt, aber wenn ich Strom habe, schaffe ich es mit dem Heizlüfter innerhalb von zwei Stunden auf 12 bis 16 Grad, je nach Außentemperatur. Und das geht auch. Offensichtlich aber auch Minusgrade.

Ich bin ja nur entlang der Hauptroute von Ost nach West gefahren, in Kanadas Süden, in dem der größte Teil der Bevölkerung wohnt. Ich frage mich, wie viele Einsiedler in der kanadischen Einsamkeit noch so ähnlich wie Patrick leben. Oder ganzjährig in einer Blockhütte ohne Wasser und Strom, ohne Supermarkt, nur mit jagen und angeln.

Allerdings macht Patrick das auch „nur“ in der warmen Jahreshälfte von Schnee bis Schnee. Was er dann im Winter macht, ob er danach arbeiten geht, frage ich ihn.
„Dann gehe ich nach Mexiko oder Kalifornien.“

Ob er dann arbeitet, kriege ich nicht heraus. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass er sich auch dort durchschlägt und kein Geld braucht. Unfassbar.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Viel zu schnell bin ich an meinem heutigen Ziel angekommen, dem kleinen Ort Nakusp. Dort möchte ich an den Hot Springs campen, den Thermalquellen in den Bergen. Im Schnee, ohne Wasseranschluss, Toiletten nur zu Öffnungszeiten der Therme, dafür mit Elektroanschluss. Wie dekadent.

Patrick möchte außerhalb des Ortes an der Straße nach Nelson rausgelassen werden. Er hofft auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Sonst schläft er einfach am Straßenrand oder im Wald bei den Hirschen.

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